„Späte Rückkehr eines Olympiasiegers“

„Lieber Horst, ich weiß das es bei dir in guten Händen ist, aber du musst wissen, dass es mir sehr schwer fällt mich nach so langer Zeit von meinem Spielzeug’ zu trennen.“ So endete der Brief von John Coombes an Horst Nordmann im August 2005. Er besiegelte die Heimkehr eines ehemals berühmten Fahrrades, genauer gesagt einer Bahnrennmaschine, die Radsportgeschichte schrieb. Gebaut wurde das Rad Mitte der 30er Jahre im Auftrag der grossen Kölner Fahrradfabrik „Gold Rad “in Fritz Köthkes Rennmaschinen-Werkstatt in der Niederichstrasse im Eigelsteinviertel. Dort gaben sich seit Anfang der 20er Jahre die Grossen des internationalen Radrennsports die Klinke in die Hand.

Eine „Köthke“-Rennmaschine war seit Anfang der 20er Jahre der Ferrari unter den Fahrrädern. Als Lehrling von Fritz Köthke kam der junge Toni Merkens mit Rennfahrergrößen seiner Zeit in Berührung, die sich in der Werkstatt ihre Maschinen fürs Rennen herrichten ließen. Toni wuchs „Im Stavenhof“ am Eigelstein in einfachen Verhältnissen auf.

Wer hätte Mitte der 20er Jahre gedacht, dass eben dieser Toni einmal in den Olymp des internationalen Radrennsports aufsteigen würde? „Kölns schnellster Lehrjung“ fuhr - zunächst im Traditionsrennclub RC Schmitter - der Konkurrenz in regionalen Rennen davon. Seinen ersten grossen Erfolg feierte er als Weltmeister der Amateurflieger 1935 in Brüssel.

Anfangs stand Merkens einige Jahre im Schatten eines noch größeren Talents, Albert Richter. Doch sein Wechsel zu den Profis war der Beginn einer großen Karriere. „Wer Weltmeister werden will, muss Merkens schlagen“, so die Meinung der internationalen Fachpresse. Mittlerweile wurde auch ihm bei „Meister Köthke“ ein Rad auf den Leib geschneidert. Gesponsert von „Gold Rad“ war es seinen Fähigkeiten entsprechend das beste Rad, das es seinerzeit gab.

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin kam es zum ersten Mal zum Einsatz und fuhr auch zum Sieg! Der „Stavenhof“ wurde daraufhin von Merkens stolzen Nachbarn prompt in „Olympiahof“ umbenannt. Die Rennmaschine, auf der Merkens zum Sieg geradelt war, wurde auf einem verglasten „Gold Rad“-Laster werbewirksam durchs Rheinland gefahren und sorgte bei jedem Halt für einen Menschenauflauf.
Zusätzlich zur Medaille erhielt jeder Olympiasieger 1936 den Trieb einer jungen Eiche. Merkens „Olympia-Eiche“ wurde am Müngersdorfer Stadion feierlich in die Kölner Erde gepflanzt, wo sie auch heute noch steht und seinen Gedenkstein bewacht: „Wachse zur Ehre, rufe zur weiteren Tat“ steht dort zu lesen. Toni war bereit zu weiteren Taten: British Open Champion, German Open Sprint Champion, Winner of the Madison, Muratti Gold Pokal, Sieger im Prinzenpark Paris, Herne Hill und vieles mehr - immer aufmerksam verfolgt von seinen vielen Fans im In -und Ausland. Einer davon war der junge John Coombes, sein vielleicht größter Fan. Von dessen englischem Betreuer konnte er nach Kriegsausbruch sogar Merkens Rad übernehmen.

Als Deutscher war Merkens jetzt „unerwünschte Person“ und hatte somit in seinem Lieblingsstartland England nichts mehr verloren. Und während John mit dem für Straßenrennen umgebauten Rad 1943 den ersten Preis für den besten Allrounder in der Grafschaft West Hants gewann, kämpfte sein Idol, wie die viele junge Deutsche, an der Ostfront ums Überleben. 1944 wurde Toni Merkens dort schwer verwundet und erlag am 22 Juni 1944 den Folgen einer Granatsplitterverletzung. Er starb einen Tag vor seinem 32.Geburtstag. Sein Fahrrad aber und gesammelte Zeitungsartikel wurden von dem mittlerweile 82jährigen John Coombes bis 2005 aufbewahrt. Um die Legende des Rades lebendig zu halten, suchte John für Tonis Maschine nach 70 Jahren ein neues Zuhause. Und es freute ihn sehr, dass das Rad wieder zurück nach Hause ins Eigelsteinviertel kommt. „Passt gut drauf auf, es hat einmal Radsport-Geschichte geschrieben.“ Machen wir, John und Toni, versprochen !

 

Letzte Änderung: 15-Mai-2007